Open Gender Journal (2026) | Rubrik: querelles-net: Rezensionen
Rezension von Sibylle Goepper
Rezension zu Klaus Wieland: Moderne Mannsbilder. Zur Semantik von „Männlichkeit‟ in der deutschsprachigen Erzählliteratur der Frühen Moderne, 1890–1930. Bielefeld: transcript 2024.
327 Seiten, ISBN: 978-3-8376-7209-1, 52€ (Print).
Ausgehend von der Feststellung, dass Männlichkeit in aktuellen wissenschaftlichen Arbeiten zum Thema Geschlecht weniger behandelt wird als Weiblichkeit, setzt sich Klaus Wieland zum Ziel, die Pluralisierung von Männlichkeiten um 1900 in der Erzählliteratur zu beobachten. Es handelt sich hier sowohl um das Aufkommen neuer männlicher Figuren als auch um die Modernisierung und Transformation der alten männlichen Typen. Dabei liegt der Schwerpunkt eindeutig auf den Darstellungen und Diskursen und nicht auf der historischen oder sozialen Realität. Um zu erfahren, was aus der hegemonialen Männlichkeit in der sich wandelnden literarischen Landschaft dieser Epoche wird, wird gefragt, ob das Auftauchen alternativer Figuren zu einer Neuhierarchisierung der Wertschätzung und damit zu einer dauerhaften Abwertung der hegemonialen Männlichkeit führt. Und kann daraus tatsächlich auf die sogenannte „Krise der Männlichkeit“ geschlossen werden? So lautet der Ausgangspunkt dieser umfassenden Studie, die sich auf ein reichhaltiges Korpus mit 76 Werken stützt.
Schlagworte: Moderne, Männlichkeit, Männerbild, Krise, Literatur
Zitationsvorschlag: Goepper, Sibylle (2026). Männlichkeit und Krise in der Erzählliteratur der Frühen Moderne: Klaus Wieland (Hg.): Moderne Mannsbilder. Zur Semantik von „Männlichkeit“ in der deutschsprachigen Erzählliteratur der Frühen Moderne, 1890–1930. transcript 2024. Open Gender Journal, 10. doi: 10.17169/ogj.2026.398
Copyright: Sibylle Goepper. Dieser Artikel ist lizensiert unter den Bedingungen der Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz (https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de).
DOI: https://doi.org/10.17169/ogj.2026.398
Eingereicht am: 10. September 2025
Angenommen am: 18. Dezember 2025
Veröffentlicht am: 24. März 2026
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Ein Blick auf die Schlagzeilen der großen deutschen Tages- und Wochenzeitungen genügt, um sich davon zu überzeugen, dass die Idee einer Krise der Männlichkeit derzeit in aller Munde ist. Ganz abgesehen von den virilistischen und maskulinistischen Auswüchsen, die in bestimmten Teilen der Bevölkerung, bei vielen Politikern, Parteien und anderen Bewegungen zu beobachten sind, scheint dieses Thema nun die gesamte Gesellschaft zu beschäftigen – und eine große Angst auszulösen. Auch Klaus Wieland stellt in seinem Buch, das aus seiner 2020 verteidigten Habilitationsschrift hervorgegangen ist, die Frage der Krise der Männlichkeit in den Mittelpunkt seiner Überlegungen, und zwar auf literaturwissenschaftlicher Ebene: als kritische Untersuchung von Diskursen und Darstellungen der Literatur der Frühen Moderne.
Ausgehend von der Feststellung, dass Männlichkeit in aktuellen wissenschaftlichen Arbeiten zum Thema Geschlecht weniger behandelt wird als Weiblichkeit, will Wieland diese Lücke mit Blick auf einen wenig untersuchten Zeitraum, nämlich die Jahre 1890 bis 1930 in Deutschland und Österreich, schließen. Wie der Titel schon sagt, befasst sich das Werk mit „Auffassungen und Vorstellungen“ (in der Folge von Tillmann Köppe 2007) von Mannsbildern, genauer gesagt mit der „Semantik der Männlichkeit“ in Erzähltexten. Der Schwerpunkt liegt eindeutig auf den literarischen Darstellungen und nicht auf der historischen oder sozialen Realität.
Die Ausgangsthese lautet, dass um 1900 in der Romanliteratur erstmals eine Pluralisierung von Männlichkeiten auftritt, insbesondere mit dem Aufkommen neuer männlicher Figuren (zum Beispiel der kleine Mann oder der Dandy-Ästhet), während gleichzeitig eine Modernisierung und Transformation der alten männlichen Typen (zum Beispiel der Kaufmann oder der Soldat) zu beobachten ist. Um jedoch zu erfahren, was aus der hegemonialen Männlichkeit in dieser sich wandelnden literarischen Landschaft wird, muss untersucht werden, ob das Auftauchen alternativer Figuren zu einer Neuhierarchisierung der Wertschätzung oder vielmehr zu einer dauerhaften Abwertung der hegemonialen Männlichkeit führt. Wieland fragt sich also, ob diese verschiedenen Figuren positiv oder negativ wahrgenommen werden und ob man daraus tatsächlich auf eine Krise der Männlichkeit in den damals entstandenen Werken schließen kann.
Die Übernahme von erst in den 1990ern Jahren entwickelten analytischen Instrumenten aus den Gender- und Queer-Studien für die Untersuchung eines so frühen Korpus wirft einige Einwände auf, auf die der Autor gleich zu Beginn hinweist: „Dies bedeutet, dass in der vorliegenden Arbeit anachronistisch interpretiert wird“ (S. 28). Dennoch zeigt seine Studie im weiteren Verlauf auf überzeugende Weise, wie produktiv diese Instrumente für die Analyse sind. Bereits in der Einleitung wird die Präzision und Subtilität der angewandten Methodik deutlich: Das Geschlecht wird als eine Triade betrachtet, die das biologische Geschlecht, das soziale Geschlecht und die sexuelle Orientierung miteinander verbindet, während die Kategorie der Männlichkeit, die im Mittelpunkt der Arbeit steht, als eine relationale (zwischen Frauen und Männern, aber auch unter Männern) und intersektionale Kategorie betrachtet wird (S. 49), die zum Beispiel mit der ausgeübten beruflichen Tätigkeit und der Klassenzugehörigkeit in Verbindung steht. Auf der Grundlage dieser Ansätze und eines Korpus von 76 sehr bis zu kaum bekannten Romanen, Erzählungen, Novellen, Skizzen und Prosafragmenten widmet sich Wieland in seiner Monografie der Untersuchung von Texten, in denen ein Mann als Hauptfigur der Handlung auftritt oder Teil davon ist. Der Ansatz konzentriert sich vor allem auf den Text in seinem Entstehungskontext, während den Autor*innen und den Leser*innen als Instanzen der Erzählung nur eine untergeordnete Bedeutung zukommt.
Das Buch ist in drei Kapitel unterteilt („Doing masculinity”, „Hegemoniale Männlichkeiten”, „Alternative Männlichkeiten”), denen eine etwa fünfzigseitige Einleitung vorangestellt ist. Eine Schlussfolgerung, ein Literaturverzeichnis mit einem beeindruckenden Textkorpus und einer nicht minder beeindruckenden dreißigseitigen Bibliografie mit Primär- und Sekundärliteratur runden die Untersuchung ab.
Die Studie Wielands, die sich im Bereich der Maskulinitätsforschung ansiedelt, nimmt logischerweise die Geschichte der Normen und Werte als Ausgangspunkt, die der gesellschaftlichen Kategorisierung in männlich und weiblich zugrunde liegen. Diese wird über einen langen Zeitraum hinweg bis in die Antike zurückverfolgt (Ein-Geschlecht-Modell versus Zwei-Geschlechter-Modell), bevor der Autor zu folgendem Schluss kommt: „Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass biologisch-medizinische Geschlechtertheorien von der Antike bis heute die ‚Elemente der Differenz‘ zwischen dem männlichen und weiblichen Geschlechtskörper stärker betonten als die ‚Elemente der Entsprechung‘“ (S. 15). Mit der Geschlechterordnung, die um 1800 etabliert wurde, wird eine asymmetrische Sichtweise auf Männer und Frauen festgelegt, indem zunächst deren körperliche und charakterliche Unterschiede hervorgehoben werden. Die soziale Regulierung setzt sich fort mit der Idee der Liebe, die sich dann in bürgerlichen Kreisen durchsetzt, während die Medizin sich bemüht, die Sexualität immer mehr zu klassifizieren und zu kontrollieren. Dabei werden bestimmte Verhaltensweisen, die sie als abweichend ansieht (Homosexualität, Sadismus, Masochismus, Fetischismus, Exhibitionismus), identifiziert und stigmatisiert – doch letztendlich wird die Heteronormativität durchgesetzt. Obwohl er einige ihrer Thesen relativiert, nimmt Wieland hier eine Arbeit von Karin Hausen (1976) in den Blick, die die Entstehung des Geschlechterdualismus (Aktivität/Rationalität), die Naturalisierung der Rollen (soziale Reproduktion für Männer, biologische Reproduktion für Frauen) sowie die geschlechtsspezifische Besetzung des öffentlichen und privaten Bereichs in dieser Zeit verortet. Hausen sieht darin das Ergebnis einer anti-aufklärerischen Weltanschauung im Kampf gegen die Idee der Gleichheit aller Menschen. Diese Weltanschauung ist ein Jahrhundert später immer noch gültig, doch wird sie um 1900 in Frage gestellt – ein Phänomen, das die damals entstandene Erzählliteratur sowohl widerspiegelt als auch mitgestaltet. Wieland nach lautet allerdings die eigentliche Frage: wie? – positiv, negativ oder eher ambivalent?
Um die verschiedenen Formen der Männlichkeit und die asymmetrischen Machtverhältnisse zwischen Männern in den untersuchten Texten zu erfassen, stützt sich der Autor auf das Gegensatzpaar „hegemoniale Männlichkeiten” und „alternative Männlichkeiten”, das er in verschiedene Subkategorien (kleiner Mann, Dandy-Ästhet, Neurastheniker, zerbrechlicher Mann und Homosexueller) unterteilt. Damit will er über ältere Arbeiten hinausgehen, wie beispielsweise die des Soziologen Pierre Bourdieu, die seiner Meinung nach in der Binärität von Frau und Mann verhaftet bleiben, ohne die gesamte Bandbreite der Männlichkeiten und Weiblichkeiten zu berücksichtigen. Neben Bourdieu und Antonio Gramsci, die für den Habitus- beziehungsweise Hegemoniebegriff herangezogen werden, finden sich Verweise auf kanonische Autoren wie Michel Foucault und Judith Butler, aber auch auf aktuellere Theoretiker wie Raewyn Connell (1999) oder Michael Meuser (1998), deren Arbeiten es ermöglichen, verschiedene Formen von Männlichkeit sowie die asymmetrischen Machtverhältnisse zwischen Männern zu erfassen.
Aus diesen methodischen Ausführungen ergibt sich ein Analyseraster für Machtbeziehungen, Produktionsbeziehungen und emotionale Bindungsstrukturen, die alle drei in unseren Gesellschaften heteronormativ geregelt sind und die nun für die literarische Analyse produktiv gemacht werden sollen. Insbesondere die Unterstreichung einer „homosozialen Dimension“ (S. 34) der sozialen Verhältnisse bricht mit der Vorstellung einer Hierarchie zwischen Frauen und Männern, an deren Spitze die Männer insgesamt stehen würden. Die homosoziale Dimension ermöglicht es, die Vorstellung einer Männern eigenen Geselligkeit und damit einer Hierarchie untereinander zu integrieren – wobei Homosexuelle innerhalb dieser Gruppe eine Minderheitenidentität darstellen. In diesem Zusammenhang kommen neben Geschlecht und Gender noch weitere Faktoren der Dominanz zum Tragen (Nation, Lokalität, Generation, Lebensalter, Arbeit, Bindung, Religion), die es zu beachten gilt. Untergeordnete und marginalisierte Identitäten werden unter dem Dachbegriff „alternative Männlichkeiten“ zusammengefasst. Genau dieses Analyseraster will Wieland für die Deutung der literarischen Texte einsetzen: „Die Typologie Connells ist ein abstraktes, relationales Begriffsinstrumentarium, das auf patriarchalische Gesellschaft unterschiedlicher Kulturen und Epochen und auch auf Literatur angewendet werden kann“ (S. 35).
Diese systematisierende Auseinandersetzung mit Texten über die Geschlechterordnung wird mit literaturhistorischen Überlegungen zur Frühen Moderne verbunden. Der Autor stützt sich dabei auf die Arbeiten von Marianne Wünsch, die im Begriff des „emphatisch-gesteigerten Lebens” als metaphorische, positiv bewertete Lebensauffassung ein Merkmal dieser Epoche sieht. Dieser Begriff, der sich wiederum in drei Subkategorien unterteilt (sexuell-erotisch, asketisch-altruistisch, mystisch-irrational), ermöglicht es Wieland, sein Analyseinstrument zu erweitern, um die Heterogenität und Vielfalt der Existenzweisen der in den literarischen Texten dargestellten Männer zu erfassen; sein ausgewähltes Textkorpus deckt dabei alle Phasen der betrachteten Periode ab. Das Analyseraster erweist sich als hinreichend flexibel, um es dem jeweils analysierten Text anzupassen.
Der erste Teil mit dem Titel „Doing masculinity” widmet sich den Darstellungen geschlechtsspezifischer Sozialisationsinstanzen der Männlichkeit. Die untersuchten Romane spielen in der Familie und in schulischen Einrichtungen, im Kontext des Krieges, des Berufslebens oder auch innerhalb der Partnerschaft. Die meisten offenbaren tiefe Asymmetrien zwischen den männlichen Figuren, die das Vorhandensein nicht-hegemonialer Männlichkeitsdarstellungen bestätigen. So werden schüchterne, sensible und introvertierte Protagonisten dargestellt, die mit einem Umfeld konfrontiert sind, in dem „Sport, Rangeln, Raufen und Prügeln” (S. 55) als Schlüsselwerte fungieren, mit denen sie sich nicht im Geringsten identifizieren können. In vielen der untersuchten Kriegsromane der Weimarer Republik wird das kollektive militärische Ideal der Körperbeherrschung, des Mutes, der Tapferkeit, des Willens, der Disziplin, der Kameradschaft und der Heterosexualität auf der Ebene der Individualitäten nicht erreicht. So bieten die verschiedenen Texte ein sehr gespaltenes Bild, geteilt zwischen Pround Kontra-Kriegsromanen. Doch trotz dieser auf den ersten Blick kontrastreichen Konstellationen ist es letztlich das „soldatisch-männliche” Ideal, das weiter als Referenz dient. Feige, traumatisierte, meuternde und desertierende Figurenwerden nur am Rande erwähnt, auch wenn ihnen in einigen Werken Verständnis und Nachsicht entgegengebracht werden.
Weitere untergeordnete Männlichkeitsbilder tauchen in den 1920ern in den Romanen der Neuen Sachlichkeit auf. Auf der einen Seite werden Männer aus der Mittelschicht dargestellt, denen aufgrund der Wirtschaftskrise Arbeitslosigkeit und sozialer Abstieg drohen. Andererseits bietet die Inszenierung der Welt der Kunst das größte Experimentierfeld für alternative Lebensentwürfe. So wird oft die Frage der Sexualität über die Figur des Künstlers thematisiert. In diesem Zusammenhang zeigt die Untersuchung des Korpus, dass traditionelle Modelle nur noch in der Aristokratie und der Großbourgeoisie auf dem Land und in der Kleinstadt gelten. Zahlreiche Texte zeugen von einer gewissen Toleranz gegenüber ‚abweichenden‘ Verhaltensweisen (Homosexualität, Sadomasochismus, Inzest) – solange diese verborgen und von der Mehrheitsgesellschaft ignoriert bleiben. Auch wenn jede der untersuchten Untergattungen (Familien-, Schul-, Kriegs-, Berufs-, Ehe-, Altersromane) Varianten der hegemonialen Männlichkeit aufzeigt, reicht ihre Thematisierung im Roman nicht unbedingt aus, um das vorherrschende System in Frage zu stellen oder gar in eine Krise zu stürzen. Die Kritik an der hegemonialen Männlichkeit wird zwar durch die Präsenz wichtiger Figuren angedeutet, die sich der Norm entziehen. Wenn sie künstlerische und musikalische Talente besitzen, können in ihnen sogar mögliche Alter Egos des Autors gesehen werden. Aber sie setzen sich nicht durch. Fast systematisch erleben wir in den Erzähltexten ihren Niedergang und Fall, ja sogar ihren Tod.
Die Analyse der Figurenkonstellationen in Thomas Manns „Buddenbrooks“ und Joseph Roths „Radetzkymarsch“ ermöglicht es, die Frage nach der Darstellung hegemonialer Männlichkeiten im literarischen Kanon auf sehr interessante Weise zu stellen. Die untersuchten Romane repräsentieren in der Tat eine breite Palette von Männlichkeiten, sowohl hegemoniale als auch alternative. Indem diese inzwischen klassisch gewordenen Werke häufig Antihelden in den Vordergrund stellen, scheinen sie auf den ersten Blick dazu beigetragen zu haben, den literarischen Kanon aufzufächern, was hegemoniale Männlichkeitsmodelle angeht. Nach Wieland sollte man sich jedoch nicht täuschen lassen: Alternative Männlichkeiten sind zwar vorhanden, sogar im Vordergrund, beide Romane folgen aber dem Schema Höhepunkt – Verfall – Untergang, so dass ein kausaler Zusammenhang zwischen dem Einflussverlust der hegemonialen Männlichkeit und dem Niedergang der dargestellten Welten und Milieus (die österreichische Doppelmonarchie bei Roth, das bürgerliche Ideal als Kaufmann und Familienvater bei Mann) zu sehen ist. Diese unheilvollen Schicksale bestätigen die Hypothesen aus dem ersten Teil der Studie: Es kommt nicht zum Durchbruch der beschriebenen dissidenten Männlichkeiten in den Erzähltexten. Ob die alten Ordnungen zugrunde gehen (Monarchie) oder fortbestehen (Bürgertum), die einzelnen Vertreter der alternativen Männlichkeit verschwinden ausnahmslos. Die Botschaft an die Lesenden ist eher abschreckend als anregend.
Wielands Ausflug in Texte außerhalb der kanonisierten Literatur ist von besonderem Interesse. Da wird eine Lupe auf die Figuren der Antihelden gerichtet, und zwar im Spannungsfeld von Subgenres, die entschieden der Seite der hegemonialen Männlichkeit zugerechnet werden müssen: historischer Roman, Kriegsroman, politischer Roman und Heimatroman. Die Vielfalt der dargestellten Figuren wird aus der Perspektive ihrer Klasse präsentiert: Kleinbürgertum, Proletariat und Bauernschaft, Führerschichten, wodurch ein Überblick über die gesamte Gesellschaft möglich wird. Für die Heimatromane beispielsweise stellt Wieland fest, dass es, auch wenn darin alternative Figuren vorkommen, zweifellos die der hegemonialen Männlichkeit zugerechneten Fähigkeiten sind, die die gefährdeten Bauernhöfe retten. Weit davon entfernt, die Realität kritisch wiederzugeben und die Protagonistenprofile zu problematisieren, die ja Teil dieser Realität sind, wird in diesen Texten eine klischeehafte und erbauliche Verklärung der bäuerlichen Welt vorgenommen. Auch in anderen Subgenres sind die Vertreter der hegemonialen Männlichkeit und deren Komplizen erfolgreich. Die Norm scheint in diesen Fällen keineswegs von dieser Literatur in Frage gestellt zu sein, sondern im Gegenteil verstärkt.
Der dritte Teil, der etwa die Hälfte des Buches ausmacht, zeichnet das Profil von sechs unterschiedlichen alternativen Männlichkeitsbildern, die vom zerbrechlichen Mann, der im 19. Jahrhundert große Popularität genoss, bis zum Homosexuellen reichen. Mit der Darstellung von Homosexualität wird in der Literatur ein Tabu gebrochen, das bis weit ins 20. Jahrhundert gültig blieb.
Die Männlichkeit der Neuen Sachlichkeit, die die Epoche der Frühen Moderne abschließt, ist insofern interessant, als sie sowohl von Autoren (Erich Kästner, Hans Fallada, Joseph Roth, Erich Maria Remarque) als auch von Autorinnen (Marieluise Fleißer, Irmgard Keun, Vicki Baum, Gabriele Tergit, Anna Seghers) geprägt wurde. Ihre stilistischen Merkmale – sachlicher, nüchterner, unsentimentaler und objektiver Ton – werden mit Männlichkeit assoziiert, ohne also mit dem männlichen Geschlecht des Schreibenden direkt in Zusammenhang zu stehen (vgl. S. 156). Der ‚kleine Mann‘, der keine Randfigur mehr ist, sondern im Zentrum der Handlung steht, sieht sich einer doppelten Gefahr gegenübergestellt: der Wirtschaftskrise und der ‚neuen Frau‘, die sich von der traditionellen Geschlechterrollenverteilung emanzipiert hat. Diese Erzähltexte zeigen, wie der kleine Mann sich vergebens bemüht, seinen Platz zwischen den ihn dominierenden ‚echten Kerlen‘ und den Vertretern marginalisierter Männlichkeiten, die er ablehnt, zu finden. Mit Emotionen und Moral ausgestattet, scheitert er sowohl auf sozialer als auch auf privater Ebene und unterliegt seiner Umgebung. Schwäche und Krankheit prägen auch den komplexeren Werdegang der Ästheten und Dandys, die sich durch den Bruch mit der Heteronormativität immer deutlicher von der hegemonialen Männlichkeit entfernen. Ihre Sexualität wird jedoch, auch von ihnen selbst, als Gefängnis empfunden und führt zu ihrem Untergang. Auch bei den Außenseitern, insbesondere bei denen, die von den Expressionisten inszeniert werden, bleiben Weltanschauung und Phantasie sehr männlich geprägt. Gesellschaftlich nicht dominierende Männer brechen also nicht unbedingt mit den sozialen Normen, wie man es hätte erwarten können.
Einen Einschnitt bildet später das zunehmende Interesse der Autor*innen der Wiener Moderne am Innenleben und an der Psyche der Menschen. Damit betreten sie ein Gebiet, das traditionell mit Frauen assoziiert wird. Dies erfolgt sowohl thematisch, beispielsweise durch die Schilderung von psychischen Krankheiten und Wahnsinn, als auch stilistisch durch den Einsatz von erlebter Rede, Gedankenbericht und innerem Monolog. Damit wird schon damals Fluidität suggeriert, da das Geschlecht als nicht unbedingt mit dem biologischen Geschlecht zusammenhängend dargestellt wird, sondern als Konsequenz der sozialen Konstruktion der Geschlechter.
Wielands Studie zur Erzählliteratur der Frühen Moderne zeichnet sich durch eine äußerst gründliche Arbeit aus, sowohl hinsichtlich der verwendeten Begriffe als auch der Kontextelemente. So ist sie auch über die Mannsbilder hinaus dank ihrer Erkenntnisse zu verwandten Themen besonders empfehlenswert: Geschichte (Entstehung der kollektiven Identität in Österreich), Geistesgeschichte (Einfluss Sigmund Freuds, Empiriokritizismus bei Ernst Mach), Geschichte der literarischen Gattungen. Jede Annahme und Positionierung wird klar dargelegt und begründet. Im gesamten Band werden die analysierten literarischen Texte mit äußerster Genauigkeit in die Literaturgeschichte eingeordnet. Dieser Schritt wird von der diachronen Rekonstruktion wesentlicher Begriffe und deren Definition anhand der verschiedenen von ihnen eingenommen Bedeutungen im Laufe der Zeit begleitet. Beispielsweise werden der Begriff der Frühen Moderne und dessen Geschichte – sowie die widersprüchlichen Debatten, die ihn geprägt haben – perfekt rekonstruiert, um ihn besser einzugrenzen. Zu diesem Zweck geht der Autor in konzentrischen Kreisen vor, wobei er von den allgemeinsten Überlegungen zu denen übergeht, die sich unmittelbar auf sein Thema beziehen. Auf diese Weise gelangt er zunächst zu einer strengen Abgrenzung des untersuchten Zeitraums. So datiert er den Beginn der Frühen Moderne bei der Geburt des Naturalismus in den 1890er Jahren und deren Ende auf den Zeitpunkt, an dem das formale Experimentieren aufhört, das heißt 1933 oder 1945 (vgl. S. 38).
Zahlreiche literarische Gattungen (Naturalismus, Literatur um 1900, Expressionismus, Neue Sachlichkeit) und Untergattungen (Historischer Roman, Kriegsroman, Heimatroman) werden dabei diskutiert, auch aus einer geschlechtsspezifischen Perspektive. So wird der Naturalismus auf der männlichen Seite angesiedelt, im Gegensatz zur Unterhaltungsliteratur, die als typisch weiblich wahrgenommen wird (vgl. S. 104f.). Gleiches gilt für den ‚neuen Menschen‘ des Expressionismus oder den ‚kleinen Mann‘ der Neuen Sachlichkeit, die unbestreitbar männliche Eigenschaften aufweisen: aktiv, handelnd, autonom, kräftig, gewaltbereit für den ersten, sachlich, nüchtern, unsentimental und rational für den zweiten.
Jede konzeptionelle Entscheidung wird begründet und anhand ihres Beitrags zur allgemeinen Fragestellung dargestellt, auch die Mängel mancher Konzepte werden offengelegt – denn manche Romane entziehen sich teilweise den für die Analyse ausgewählten Kategorien –, sodass sich die Lesenden bei jedem Schritt eine eigene Meinung bilden können. Lobenswert ist außerdem, dass die Kategorien der Literaturgeschichte von Anfang an mit dem Gender-Ansatz verknüpft werden, der im Mittelpunkt der Überlegungen steht (vgl. S. 39f.). Die gleiche Strenge findet sich auch bei den wichtigsten verwandten Begriffen wie dem Männlichkeitsbegriff (vgl. S. 49). Patriarchat (vgl. S. 12), (doing/performing) gender und queer (vgl. S. 25) werden ebenfalls aus einer diachronen Perspektive rekonstruiert. Die Problematisierung des Begriffs Patriarchat, das nur als Dominanz der Männer über die Frauen definiert wird, öffnet schließlich die Tür zur Intersektionalität (vgl. S. 28), einem weiteren für die Analyse äußerst fruchtbaren Begriff.
Neben der Genauigkeit und der Klarheit der Beweisführung besteht eine andere Leistung der Arbeit darin, dass sie anderen Forschern effiziente Werkzeuge für die eigenen Analysen zur Verfügung stellt. Die Überlegungen und Resultate werden regelmäßig auf sehr gelungene Weise in Tabellen zusammengefasst, die nicht nur das Verständnis erleichtern, sondern allgemein ein wertvolles Arbeitsinstrument für die Literaturwissenschaft und die Gender Studies darstellen. Erstaunen kann vielleicht nur die Tatsache, dass die zweispaltigen Tabellen auf eine Binarität zurückführen, mit der man gerade brechen möchte. Dies sei aber nur eine Randbemerkung.
Die umfangreiche Studie umfasst sowohl sogenannte „kanonische” Werke (Arthur Schnitzler, Hermann Hesse, Franz Kafka, Thomas und Heinrich Mann, Robert Musil, Hermann Broch, Alfred Döblin) als auch weniger bekannte Texte, worüber man sich nur freuen kann. Obwohl das Ziel darin besteht, die unterschiedlichen Erscheinungen von Männlichkeiten in den Texten ans Licht zu bringen, bleiben die narratologischen und stilistischen Ausführungen keineswegs auf der Strecke. Zu schätzen ist schließlich auch die pädagogische Herangehensweise des Autors. Wieland geht nicht davon aus, dass die Texte bekannt sind, sondern stellt sie jedes Mal ausführlich vor. Auch wenn diese Methode manchmal etwas systematisch erscheint und die Interpretation dadurch ein wenig hinausgezögert wird, ermöglicht sie es, dem Autor bei der Entwicklung seiner Überlegungen zu folgen. Dieser Wille kann nur begrüßt werden und macht das Werk zu einer sowohl gelehrten als auch zugänglichen Quelle.
Auf diese Weise wird auf einleuchtende Weise gezeigt, wie die Figuren des Außenseiters, des kranken Bettlers und Kriminellen, Künstlers und Sonderlings, die seit Ende des 18. Jahrhunderts in der Literatur präsent sind, um 1900 eine echte Blütezeit und Diversifizierung erleben. Die Studie gibt darüber anhand einer äußerst detaillierten Typologie der neuen männlichen Figuren (wie die des politischen Führers, des kleinen Mannes, des Dandy-Ästheten, des Neurasthenikers, des zerbrechlichen Mannes und des Homosexuellen) Auskunft. Das Besondere daran ist, dass dies nicht nur in Form von archetypischen Figuren geschieht, sondern auch in Form von Existenzweisen – was die Umsetzung einer besonders aufschlussreichen intersektionalen Perspektive auch für fiktionale Texte ermöglicht.
Weiter sind einige sich lohnende Entscheidungen hervorzuheben, wie zum Beispiel die Auseinandersetzung mit der von der Forschung weniger behandelten Gattung Epik im Expressionismus. Die Analyse zeigt, dass sich die Bewegung gegenüber Frauen zwar wohlwollender als die der Realisten und Naturalisten positioniert, aber keineswegs antipatriarchalisch (vgl. S. 189). Da die große Mehrheit der ausgewählten Werke von Autoren verfasst wurde, sind die Ausführungen über Autorinnen, die über alternative Männlichkeiten schreiben, äußerst anregend. Man hätte gerne noch mehr darüber erfahren.
Ein weiteres großes Verdienst des Autors besteht darin, dass er kanonisierte Werke neu liest und sich dabei nicht auf das beschränkt, was die Tradition überliefert hat. Man schätzt die Schärfe der Analysen, den situierten Blickwinkel sowie den unterschwelligen Humor, beispielsweise wenn es um die doppelte Krise des ‚kleinen Mannes‘ der Neuen Sachlichkeit geht: angesichts einerseits des wirtschaftlichen Zusammenbruchs und andererseits der neuen Frau oder „femme fatale“.
Zuletzt lässt der Text, obwohl er perfekt strukturiert ist und auf eine kollektive Analyse abzielt, Raum für Ausnahmeerscheinungen. Ein Highlight ist sicher das Kapitel über Kafka und seine jüdische Männlichkeit aus einer queeren und intersektionalen Perspektive. Man kann in Bezug auf Kafka natürlich nicht von feministischer Literatur sprechen, sehr wohl aber davon, dass er untergeordnete Identitäten, die alle einer ähnlichen Unterdrückung ausgesetzt sind, darstellt: die patriarchalische Allianz von Vaterfiguren, Gerichtsbehörden und Schlossherren. Dies verdeutlicht noch einmal, wie fruchtbar die Anwendung von Gender-Tools auch für ältere Texte sein kann.
Wieland, der in Frankreich an der Universität Straßburg lehrt, leistet zweifellos einen überzeugenden und wertvollen Beitrag zur noch ungenügend entwickelten Männlichkeitsforschung in der Literaturwissenschaft Frankreichs und Deutschlands. Hervorzuheben ist auch die Bedeutung der Frühen Moderne für das Forschungsgebiet der Gender und Masculinity Studies, das sich oft auf die Gegenwart konzentriert.
Die Ausgangsfrage lautete: Wird die hegemoniale Männlichkeit durch die Sichtbarmachung zahlreicher alternativer Männlichkeitsmodelle in der Erzählliteratur der Frühen Moderne in Frage gestellt? Nichts ist weniger sicher: Das Scheitern der dargestellten Antihelden scheint im Gegenteil darauf hinzudeuten, dass die Wege, die sie einschlagen, auf keinen Fall beschritten werden dürfen, da sie sonst mit schweren Strafen zu rechnen haben. Die Vermännlichung von Jungen und Männern wird nur dann angeprangert, wenn sie unrechtmäßig oder illegal ist. Homosexualität und freie Liebe werden zwar thematisiert, sind aber zum Scheitern verurteilt. Auch wenn viele Werke Sympathie für nichthegemoniale Männlichkeiten zeigen, scheint die Geschlechterorthodoxie zum Schluss doch erhalten zu bleiben, manchmal sogar verstärkt zu werden.
Wieland weist insofern in seinem Buch über die Vorstellung hinaus, dass die zahlreichen in der Literatur dargestellten subalternen und alternativen Männlichkeiten der Frühen Moderne den Niedergang oder sogar die Ablösung der hegemonialen Männlichkeit bedeuten würden. Wenn es eine Krise gibt, beschränkt sie sich auf die individuelle Ebene, führt jedoch nicht zum Zusammenbruch des Systems. Dennoch, ohne disruptiv zu sein, tragen die untersuchten Werke, die Verständnis und Empathie für Antihelden aufzeigen, dazu bei, andere Modelle und Figuren sichtbar zu machen und den Zeiger in Richtung einer größeren Vielfalt zu verschieben: „Diese Texte bewerten alternative Maskulinitäten in der Regel positiv und vertreten einen flexiblen Normalismus, das heißt die Normalgrenze wird so gesetzt, dass ein maximales Normalitätsspektrum entsteht, so dass viele alternative männliche Identitäten normalisiert werden können” (S. 290). Wieland sieht in dieser Flexibilisierung das Merkmal der deutschsprachigen epischen Literatur dieser Epoche, die – durchaus überzeugend formuliert in seinem Schluss – weniger von einer Krise zeugt als vielmehr von einer Lockerung der Normativität, entsprechend den damals in die gleiche Richtung gehenden gesellschaftlichen Tendenzen und Spannungen.
Connell, Raewyn [Robert W.] (1999): Der gemachte Mann. Konstruktion und Krise von Männlichkeiten. Opladen: Leske + Budrich. doi: 10.1007/978-3-663-09604-7
Hausen, Karin (1976): Die Polarisierung der „Geschlechtercharaktere“ – eine Spiegelung der Dissoziation von Erwerbs- und Familienleben. In: Conze, Werner (Hg.): Sozialgeschichte der Familie in der Neuzeit Europas. Stuttgart: Klett, 363–393. doi: 10.13109/9783666370250.19
Köppe, Tillmann (2007): Vom Wissen in Literatur. In: Zeitschrift für Germanistik 17(2), 398–410. doi: 10.3726/92117_398
Meuser, Michael (1998): Geschlecht und Männlichkeit. Soziologische Theorie und kulturelle Deutungsmuster. Opladen: Leske + Budrich. doi: 10.1007/978-3-322-95120-5
Wünsch, Marianne (1983): Das Modell der „Wiedergeburt“ zu „neuem Leben“ in erzählender Literatur 1890–1930. In: Richter, Karl/Schönert, Jörg (Hg.): Klassik und Moderne. Die Weimarer Klassik als historisches Ereignis und Herausforderung im kulturgeschichtlichen Prozess. Stuttgart: Metzler, 379–408. doi: 10.1007/978-3-476-03181-5_18