Open Gender Journal (2026) | Rubrik: querelles-net: Rezensionen

Kanonisierung politikwissenschaftlicher Geschlechterforschung im Werden: Ausblick auf das ambitionierte wie unerschrockene Projekt des „Living Handbook Politik und Geschlecht“

Rezension von Heike Kahlert


Rezension zu Christine M. Klapeer, Johanna Leinius, Franziska Martinsen, Heike Mauer und Inga Nüthen (Hg.): Politik und Geschlecht. Perspektiven der politikwissenschaftlichen Geschlechterforschung.
Opladen, Berlin, Toronto: Barbara Budrich 2024.
275 Seiten, ISBN 978-3-8474-2704-9, 54,90 € (Print), 0,00€ (E-Book)


Abstract

Die Herausgeber*innen dieses Sammelbands aus der Buchreihe „Politik und Geschlecht“ der gleichnamigen Sektion in der Deutschen Vereinigung für Politikwissenschaft verstehen das Buch als Startpunkt für das größer angelegte Open-Access-Projekt „Living Handbook Politik und Geschlecht“. Der in drei Unterabschnitte gegliederte Band enthält 21 Beiträge. Diese sind durchweg interessant, kenntnisreich und auf einem hohen wissenschaftlichen Niveau abgefasst, genau deshalb aber nicht alle gleichermaßen gut für die akademische Lehre geeignet. Die Zusammenstellung der Beiträge stellt eher ein Sammelsurium dar, als dass ein konsistenter Ein- oder gar Überblick zur politikwissenschaftlichen Geschlechterforschung gegeben würde. Wie aus dem Sammelband ein Living Handbook werden soll und kann, bleibt leider unklar.

Schlagworte: Körper, Care, Cyborg, Biopolitik, Normativität

Zitationsvorschlag: Kahlert, H. Kanonisierung politikwissenschaftlicher Geschlechterforschung im Werden: Ausblick auf das ambitionierte wie unerschrockene Projekt des „Living Handbook Politik und Geschlecht“: Christine M. Klapeer, Johanna Leinius, Franziska Martinsen, Heike Mauer und Inga Nüthen (Hg.): Politik und Geschlecht. Perspektiven der politikwissenschaftlichen Geschlechterforschung. Barbara Budrich. 2024. Open Gender Journal, 10. doi: 10.17169/ogj.2026.424

Copyright: Heike Kahlert. Dieser Artikel ist lizensiert unter den Bedingungen der Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz (https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de).

DOI: http://doi.org/10.17169/ogj.2026.424

Eingereicht am: 23. November 2025

Angenommen am: 09. Dezember 2025

Veröffentlicht am: 17. März 2026

Forschungsförderung: Die diesem Text zugrunde liegenden Daten und Informationen zur Geschichte des Arbeitskreises beziehungsweise der Sektion Politik und Geschlecht in der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft (seit 1. Januar 2017 Deutsche Vereinigung für Politikwissenschaft) wurden im Rahmen des Vorhabens „Gender-Innovationen in den Sozial- und Geisteswissenschaften: Organisationen und Lehre im Fokus“ erhoben, das mit Mitteln des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt unter dem Förderkennzeichen 01FP22078 gefördert wird. Die Verantwortung für den Inhalt dieser Veröffentlichung liegt bei der Autorin.

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Wissenschaftliche Organisationsbildung und Produktivität zu Politik und Geschlecht in Deutschland

Die feministische Politikwissenschaft sowie die politikwissenschaftliche Frauenund Geschlechterforschung weisen in Deutschland eine nunmehr knapp 35 Jahre umfassende Tradition der Institutionalisierung auf. Im Jahr 1991 gründete eine Gruppe Berliner Politologinnen die Ad-hoc-Gruppe „Politik und Geschlecht“ in der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft (DVPW), die seit dem 1. Januar 2017 Deutsche Vereinigung für Politikwissenschaft heißt. Bereits im selben Jahr wurde die Ad-hoc-Gruppe in den gleichnamigen Arbeitskreis umgewandelt. In und aus diesem Arbeitskreis heraus entfalteten sich bemerkenswerte und beeindruckende Aktivitäten zur Etablierung feministischer Politikwissenschaft sowie politikwissenschaftlicher Frauen- und Geschlechterforschung als Wissenschaftsperspektive und als Teilbereich in der deutschen Politikwissenschaft, ebenso wie zur gleichstellungsbezogenen Reform der DVPW als wissenschaftliche Fachgesellschaft. Im Jahr 2019 wurde der Arbeitskreis zu einer Sektion der DVPW.

Neben zahlreichen wissenschaftlichen Veranstaltungen über die Jahre hinweg entstanden aus dem Arbeitskreis beziehungsweise der Sektion „Politik und Geschlecht“ heraus mehrere Buchreihen. So erscheint seit 1994 die Reihe „Politik der Geschlechterverhältnisse“ im Frankfurter Campus Verlag, die von Mitgliedern des Arbeitskreises begründet wurde und in der bis zum Sommer 2025 bislang 70 Bände, davon 36 Monographien und 34 Sammelbände, veröffentlicht wurden. 1999 kam als Buchreihe des Arbeitskreises die von seinem jeweiligen Sprecher*innenrat herausgegebene Reihe „Politik und Geschlecht“ hinzu, die bis 2003 im Verlag Leske + Budrich erschien, dann mit dem Verkauf des Verlags an den Springer Verlag überging und dort von 2004 bis 2008 bei Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften publiziert wurde. Nach einem Verlagswechsel des herausgebenden Arbeitskreises erscheint diese Reihe seit 2010 im Verlag Barbara Budrich. Bis Frühjahr 2025 wurden in der Reihe insgesamt 35 Bücher publiziert, davon 14 Monographien und 21 Sammelbände. Die Buchreihe ergänzend gibt es im Verlag Barbara Budrich noch eine Reihe für Einführungsbücher, die unter dem Titel „Politik und Geschlecht kompakt“ fungiert und bisher vier Bände umfasst.

Zudem besteht seit 1997 die – ebenfalls aus dem Arbeitskreis heraus gegründete – einzige deutschsprachige Fachzeitschrift für feministische Politik und Politikwissenschaft „Femina Politica – Zeitschrift für feministische Politikwissenschaft“, die zunächst im Eigenverlag erschien und seit 2005 ebenfalls im Verlag Barbara Budrich publiziert wird.

Beachtlich in quantitativer und qualitativer Hinsicht sind das thematische Spektrum und die Anzahl der in diesen Reihen veröffentlichten Bücher wie auch der Schwerpunkthefte zur feministischen Politikwissenschaft sowie politikwissenschaftlichen Frauen- und Geschlechterforschung in Deutschland. Dies gilt umso mehr, als die genannten Reihen und die Fachzeitschrift nicht die einzigen Publikationsorte feministischer Politikwissenschaftler*innen und politikwissenschaftlicher Frauen- und Geschlechterforscher*innen in Deutschland darstellen.

Der Sammelband als Appetizer für das „Living Handbook Politik und Geschlecht“

Der hier rezensierte Sammelband wurde 2024 als Band 34 der Buchreihe der Sektion „Politik und Geschlecht“ der Deutschen Vereinigung für Politikwissenschaft als Printausgabe und zeitgleich online im Open Access veröffentlicht. Seine Herausgeber*innen Christine M. Klapeer, Johanna Leinius, Franziska Martinsen, Heike Mauer und Inga Nüthen hatten als Mitglieder des 14. Sprecher* innenrats des Arbeitskreises „Politik und Geschlecht“ dessen Umwandlung in eine Sektion erfolgreich voran- und zum Abschluss gebracht und fungierten in ihrer Amtszeit als Herausgeber*innen der Buchreihe. Sie verstehen den Sammelband als „Auftakt und Einblick in ein größer angelegtes Open Access-Projekt – das des (digitalen) peer-reviewed Living Handbuch Politik und Geschlecht“ (S. 19, Herv. im Original). Die Idee dazu „wurde ihnen 2020 vom Verlag Barbara Budrich […] unterbreitet“, der seinerzeit zusammen mit der TH Köln ein Open Access Living Handbook plante (Martinsen et al. 2024).

Die Edition und Publikation eines wissenschaftlichen Handbuchs bilden in der Regel ein größeres Vorhaben, was die Konzeption, deren Realisierung, den Umfang und die dafür benötigten personellen und finanziellen Ressourcen betrifft. Handbücher stellen ein spezifisches Publikationsgenre dar, wobei leicht greifbare Definitionen zu diesem Genre überschaubar sind. Ein Handbuch kann demnach als „eine scheinbar selbstverständlich [sic!] Gebrauchsliteratur“ verstanden werden, „auf die jeder [sic!] Forschende im 20. Jahrhundert zurückgreift, mit der sich aber niemand wirklich auseinandersetzt“ (Creager/Grote/ Leong 2021) – sowohl der Rückgriff auf Handbücher als auch die mangelnde Auseinandersetzung mit diesem Genre gelten auch für die 20er Jahre des 21. Jahrhunderts, wenngleich inzwischen gedruckte Bücher um digitale Versionen und/oder Online-Portale ergänzt werden. Den spärlichen Definitionen dieses Genres ist gemeinsam, dass sie ein Handbuch im akademischen Kontext als praktische Anleitung oder Nachschlage- und Referenzwerk „wichtige[r] Begriffe und Sachverhalte“ (Pinwinkler 2017, 2) präsentieren, nicht zuletzt für die universitäre Lehre, die selbst gesteuerte Bildung und die interdisziplinäre Forschung. Ein Handbuch dient demnach der systematischen und übersichtlichen „Zusammenstellung des Stoffes eines Wissensgebietes. […] Die Inhalte sind alphabetisch, chronologisch oder nach thematischen Gesichtspunkten geordnet.“ (Universitätsbibliothek der Humboldt-Universität zu Berlin 2013)

Durchaus im Einklang mit diesen Definitionen, wenn auch ohne Bezug auf diese und ohne Erläuterungen des eigenen Verständnisses dieses Genres stellen die Herausgeber*innen den spezifischen Charakter des geplanten Handbuchs, das im Weiteren von ihnen nur noch englisch benannt wird, wie folgt dar: Er besteht daraus, „fortlaufend neuere Entwicklungen aufzunehmen und somit den Stand der Forschung immer wieder neu systematisch darzustellen. Inhaltlich zielt das Living Handbook darauf, auf der Grundlage aktueller Forschungsperspektiven, neuerer Entwicklungen in den Gender Studies/Geschlechterforschung seit Beginn der 2000er Jahre sowie den wichtigen Interventionen seitens intersektionaler, postkolonialer und queerer Forscher*innen und Aktivist*innen, in zentrale Ansätze, Perspektiven und Konzepte der politikwissenschaftlichen Geschlechterforschung einzuführen.“ (S. 19, Herv. im Original) Dass sich die Herausgeber* innen damit wahrlich allein schon in organisatorisch-herausgeberischer Hinsicht eine umfangreichere und langfristigere Aufgabe gestellt haben, ist ihnen durchaus bewusst, wie aus ihren Reflexionen zu damit verbundenen Herausforderungen deutlich wird: Die deutschsprachige Politikwissenschaft ist „nach wie vor von rassistischen, klassistischen und heteronormativen Exklusionsmechanismen geprägt“ (S. 20), sodass es zu „Lücken und Zugangshürden im Feld“ (S. 20) kommt, die auch die potenzielle Autor*innenschaft für das ambitionierte Projekt betreffen. Soll heißen: Das mit dem geplanten Handbuch feministisch wie geschlechterforscherisch zu bestellende politikwissenschaftliche Feld ist weit und die möglichen Protagonist*innen für die Umsetzung dieses Vorhabens sind rar. Die damit verbundenen vielfältigen Herausforderungen auf verschiedenen Ebenen nehmen die Herausgeber*innen mit ihrem anspruchsvollen Projekt der Kanonisierung politikwissenschaftlicher Geschlechterforschung dennoch zunächst unerschrocken an.

In Fortsetzung und Ergänzung des in gedruckter Form und im Open Access vorliegenden Sammelbands, der im Rahmen eines vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Projekts unter all den bekannten Zwängen der Drittmittelförderung und zudem unter den erschwerten Bedingungen der Corona-Pandemie zustande gekommen ist, kündigen sie die geplante kontinuierliche Publikation weiterer Beiträge und die regelmäßige Aktualisierung bereits bestehender Kapitel auf einer digitalen Plattform des Verlags Barbara Budrich1 an. Damit werden die erweiterten Möglichkeiten des Publizierens 2.0, die sich mit der auch in der Wissenschaft um sich greifenden Digitalisierung eröffnen, in der Frauen- und Geschlechterforschung exemplarisch in innovativer Form aufgegriffen. Zur Realisierung dieses Vorhabens laden die Herausgeber* innen in der Einleitung dazu ein, ihnen „Vorschläge für weitere Beiträge und (fehlende) Themen zu senden, um die vorhandenen Leerstellen zu füllen, neue Bereiche zu erschließen und andere Perspektiven sichtbar zu machen“ (S.20). Den vorliegenden Sammelband stellen sie folglich als „vorläufiges Zwischenresultat“ (S. 20, Herv. im Original) auf dem Weg zu einem (digitalen) Handbuch der feministischen Politikwissenschaft sowie der politikwissenschaftlichen Frauen- und Geschlechterforschung vor. Ihre „Wunschvorstellung“ ist: „In 5 Jahren ist das Living Handbook gewachsen und erschließt noch umfassender theoretische und methodische Zugänge und Themenfelder der politikwissenschaftlichen Geschlechterforschung.“ (Klapeer et al. 2024)

Kanonisierung politikwissenschaftlicher Geschlechterforschung in the making

Die informative wie lesenswerte Einleitung der Herausgeber*innen stellt eine rundherum gelungene Einführung in das Buch sowie in in dessen Anschluss geplante Nachfolgeaktivitäten und einen Überblick über den Stand feministischer Politikwissenschaft beziehungsweise politikwissenschaftlicher Frauen- und Geschlechterforschung und deren „(Nicht-)Institutionalisierung“ (S. 15) in Deutschland dar. Angesichts anhaltend kritischer Auseinandersetzungen in der interund transdisziplinären Frauen- und Geschlechterforschung in Bezug auf die Kanonisierung des wissenschaftlichen Wissens in diesem Feld wirkt es überaus erfrischend, dass diesbezüglich bei den hier aktiven politikwissenschaftlichen Protagonist*innen keine Berührungsängste zu bestehen scheinen. Im Gegenteil: Die Einleitung verdeutlicht, dass feministische Politikwissenschaftler*innen aus dem (Umfeld des) Arbeitskreis(es) und der Sektion „Politik und Geschlecht“ seit den Anfängen ihres diesbezüglichen Wirkens die Institutionalisierung ihrer Anliegen in politikwissenschaftlichen wie politischen Organisationen und die disziplinäre Kanonbildung einschließlich der Revision des bestehenden politikwissenschaftlichen Kanons betreiben. Mit einer anderen Grundhaltung wären der Duktus des vorliegenden Sammelbands und das geplante Handbuchprojekt auch nicht denk- und machbar.

Das Buch ist in drei Unterabschnitte gegliedert, die insgesamt 21 Beiträge von jeweils fachlich für das behandelte Thema ausgewiesenen Politikwissenschaftler* innen verschiedener akademischer Statusgruppen enthalten, die vorab einem Peer-Review-Verfahren unterzogen wurden. Angesichts der Menge (und Heterogenität) der Texte können im Folgenden nur einige wenige näher vorgestellt werden.

Der erste Unterabschnitt ist mit „(De)Gendering Politikwissenschaft“ überschrieben, worunter die Herausgeber*innen eine geschlechterreflektierte Erweiterung beziehungsweise Veränderung der politikwissenschaftlichen (Teil-) Disziplin(en) verstehen. Franziska Martinsen rückt hier das Verhältnis zwischen politischer Theorie und Geschlechterverhältnissen in den Blick. Sie argumentiert, dass in diesem politikwissenschaftlichen Teilbereich zumindest im deutschsprachigen Bereich auch noch im 21. Jahrhundert „weibliche* und non-binäre Autor*innen sowie queer_feministische und intersektionale Theoreme […] marginalisiert und aus dem ideengeschichtlichen Kanon exkludiert“ (S. 64) werden. In der Disziplin führe dies zu „androzentrischen, maskulinistischen und misogynen Verzerrungen“ (S. 64). Unterbelichtet bleiben in Martinsens Ausführungen kolonialismus-, rassismus- und klassismuskritische Perspektiven, die gewiss für die Kanonbildung ebenfalls von Bedeutung sind. Die über diesen Beitrag hinaus in diesem Unterabschnitt versammelten Texte handeln von feministischer Epistemologiekritik und feministischen Methodologien (Miriam Fritz Trzeciak), Wahlverhalten und Parteipräferenz von LGBTQ* Bürger*innen (Michael Hunklinger), geschlechterreflexiver Politikdidaktik und politischer Bildung (Elia Scaramuzza), (sexueller) Arbeitsteilung im Zusammenhang mit Demokratie und Kolonialität (Matti Traußneck), politischen Männlichkeiten am Beispiel von Rechtspopulismus (Marion Löffler) und feministischen Staatstheorien (Gundula Ludwig).

Im zweiten Unterabschnitt geht es um „Konzeptionelle Perspektiven“. Gemeint sind damit theoretische Blickwinkel und Konzepte, die Teil feministischer Politikwissenschaft sind beziehungsweise diese spezifisch erweitern. Hier finden sich Beiträge zu materialistischem Feminismus (Friederike Beier und Lisa Yashodhara Haller), feministischer Politik jenseits einer vorpolitischen Grenze zwischen dem Menschlichen und dem Nicht-Menschlichen (Veronika von Wachter), feministischer Politischer Ökologie und Queer Ecologies (Christine Bauhardt) und zu transnationalen feministischen Ansätzen zur Erforschung von Konfigurationen globaler (sexueller) Ordnungen (Esther Franke). Schließlich hinterfragt Mareike Gebhardt die Konzeption von Widerstand politiktheoretisch delegitimierter und marginalisierter Gruppen. In der politischen Theorie und Ideengeschichte werde politisches Handeln traditionell an Sprache und damit verknüpfte Rationalität gebunden und als das Recht eines weißen und männlichen Bürgers konzipiert. Diese Sichtweise stellt Gebhardt aus den Perspektiven radikaler Demokratietheorie, queer_feministischer Theorie, Schwarzer Feminismen und postkolonialer Studien infrage und rückt im Anschluss daran die Verkörperung von Widerstand in den Fokus. Auch die feministische politikwissenschaftliche Forschung bleibt nicht von Kritik verschont: Gebhardt fordert, dass diese „selbstkritisch ihre weißen Flecken aufarbeiten“ (S. 164, Herv. im Original) und sich vermehrt intersektional sowie postkolonial ausrichten und Wissensbestände des Globalen Südens einbeziehen müsse.

Der dritte und umfangreichste Unterabschnitt behandelt konkrete „Themen- und Politikfelder“ aus feministischer beziehungsweise geschlechterforscherischer Perspektive. Hier geht es um Gleichstellungspolitik als politikwissenschaftliche Praxis (Clarissa Rudolph), Antifeminismus und Antigenderismus (Simon Fetz), Umwelt-, Ökologie- und Klimapolitik (Christine Löw) sowie affektive Sorgebeziehungen inner- und außerhalb der heteronormativen Kleinfamilie (Verena Kettner). Weitere Beiträge in diesem Unterabschnitt befassen sich mit feministischer Gewerkschaftsarbeit und transnationaler Solidarität (Ricardo Kaufer), dem Konzept der Femizide (Güneş Koç) und dem Gendering von Common Sense (Henrike Bloemen). Darüber hinaus finden sich in diesem Unterabschnitt auch noch Texte zum Geschlechtervertrag im Gesellschaftsvertrag (Daniela Möller) und zu Olympe de Gouges’ Einsatz für die Rechte der Unterdrückten (Elisa Orrù). Möller diskutiert hier, inwiefern vertragstheoretisches Denken nach der bereits früh in der feministischen Politikwissenschaft erfolgten Entlarvung des darin enthaltenen Geschlechtervertrags, der mit einer vermeintlich freiwilligen Unterwerfung von Frauen unter Männer einhergeht, überhaupt beibehalten werden kann. Hierzu stellt sie schließlich konträre Antworten von verschiedenen feministischen Politikwissenschaftlerinnen vor. Dass die Idee vom Gesellschaftsvertrag nicht nur hinsichtlich seiner geschlechtlichen, sondern auch seiner rassifizierenden Schieflage hinterfragt worden ist, wird leider nur kurz in einer Fußnote aufgegriffen und im weiteren Text nicht mitgedacht. Orrù hingegen zeigt, dass bereits Olympe de Gouges in ihren Schriften die Kolonialherrschaft und Versklavung angeprangert hatte und für Frauenrechte eingetreten und damit dem zu ihrer Zeit herrschenden politischen Denken weit voraus war.

Ein vielversprechender Sammelband mit Schönheitsfehlern …

Die einzelnen Beiträge des Sammelbands sind durchweg interessant, kenntnisreich und trotz ihrer einführenden Absicht auf einem hohen wissenschaftlichen Niveau abgefasst. Dieses ist nicht zuletzt der Einladung der Herausgeber*innen sowie den Anstrengungen der Autor*innen zu verdanken, dem Aufruf aus dem zugrunde liegenden Call for Contributions zu folgen, in den Beiträgen „Geschlecht/ erverhältnisse insbesondere unter Berücksichtigung intersektionaler Macht- und Herrschaftsverhältnisse [zu] diskutieren bzw. im Kontext neuerer Forschungsergebnisse und -debatten [zu] situieren wie z.B. der Post-/Decolonial Studies, der kritischen Antisemitismus- und Rassismusforschung, der Disability Studies, der Queer und Trans* Studies, der Affect Studies oder der politischen Ökologie“ (Klapeer et al. 2021, S. 2). Diesen Anspruch einzulösen gelingt nicht in allen Beiträgen gleichermaßen gut, wie exemplarisch anhand der oben bereits etwas näher vorgestellten Texte deutlich wird, wird aber von allen Autor*innen zumindest versucht. Positiv zu bewerten sind auch die jeden Beitrag ergänzenden kurzen Zusammenfassungen und zugehörige Schlüsselbegriffe. Der je überschaubare Umfang und die mehr oder weniger einheitliche Gliederung der Beiträge erweisen sich ebenfalls als gut. Desgleichen sind die jeden Beitrag ergänzenden drei Lese-Empfehlungen für die weitere themenbezogene Arbeit hilfreich.

Allerdings wirken manche Beiträge für den Einsatz in der universitären Lehre teilweise zu anspruchsvoll, allein schon angesichts des Einsatzes von Fachbegriffen und Gebrauchs von Fremdwörtern. Ein die Texte ergänzendes Glossar hätte hier zumindest in Bezug auf die Fachtermini Abhilfe schaffen können. Die Lektürefreude mindernd kommt das zum Teil einem wissenschaftlichen Beitrag nicht angemessene sprachliche Niveau von einigen Texten mit unklaren Sätzen, fehlerhafter Interpunktion und stilistischen Schwächen hinzu. Diversen Beiträgen hätte ein gründliches Lektorat gutgetan, in dem die Texte sprachlich bearbeitet und die Literaturangaben vervollständigt und vereinheitlicht worden wären, gerade auch im Hinblick auf die Vorbildwirkung für Studierende. Die jeweilige Auswahl der Lese-Empfehlungen bleibt durchweg intransparent. Dies hätte durch eine kurze inhaltliche Kommentierung der zur weiteren Lektüre empfohlenen Texte abgemildert werden können.

Die vorliegende Zusammenstellung der Beiträge macht dem eher schlechten oder zumindest zweifelhaften Ruf von Sammelbänden leider alle Ehre: Zwar sind die Herausgeber*innen in der Einleitung bemüht, die Gliederung und den Aufbau des Bandes zu erläutern. Das kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die vorliegenden Beiträge, insbesondere im dritten Unterabschnitt, eher ein Sammelsurium darstellen, als dass sie einen konsistenten Ein- oder gar Überblick über feministische Politikwissenschaft sowie politikwissenschaftliche Frauen- und Geschlechterforschung liefern. Auch die Zuordnung der einzelnen Beiträge zu den drei unterschiedenen Unterabschnitten wirkt partiell willkürlich. Das umfassende Spektrum der im Call for Contributions erwünschten Beitragsvorschläge wird im Buch nicht annähernd abgebildet.

Auch wenn dies in der Einleitung nicht so deutlich benannt wird, scheinen zumindest einige dieser Mängel den Herausgeber*innen bewusst zu sein, was sich hinter den etwas kryptisch wirkenden Verweisen auf den Entstehungsprozess des Buches angesichts einer „drittmittelgestützten Projektlogik“ und auf die „erschwerenden strukturellen Auswirkungen der Pandemie“ (S. 20) verbirgt. Deutlicher noch formulieren dies die Herausgeber*innen in einem kurz nach Erscheinen des Sammelbands veröffentlichten Interview: „[D]ie Printversion ist weder erschöpfend noch so differenziert, wie wir uns das auf lange Sicht wünschen. Sie ist erst der Anfang des langfristig angelegten Living Handbook auf der digitalen Plattform, die jetzt eröffnet wird. Hier wird es zukünftig laufend neue und das Feld feministischer Politikwissenschaft immer wieder erweiternde Beiträge geben.“ (Martinsen et al. 2024) Diese stehen bisher, anderthalb Jahre nach Erscheinen des Sammelbands (zum Zeitpunkt der Abfassung dieser Rezension), bedauerlicherweise immer noch aus.

… und die praktische Realisierung des avisierten Living Handbooks

Umso drängender ist die Frage, wie aus dem vorliegenden Sammelband, den die Herausgeber*innen selbst als „unabgeschlossenes Projekt“ (Martinsen et al. 2024) bezeichnen, ein Living Handbook werden soll und kann. Genau dies bleibt leider im Buch und in den darüber hinausweisenden Informationen auf der zugehörigen Plattform des Verlags unklar. Zwar finden sich auf dieser Plattform weitere Hinweise zum Vorhaben und zum Publikationsprozess, eine Kontaktadresse und nach längerem Suchen auch Hinweise zur Beitragseinreichung, die demnach halbjährlich zum 15. März und 15. September möglich ist, sowie unter dem missverständlichen Stichwort „Manuscript Guidelines“ ergänzend akribische Autor*inneninformationen zum konzeptionellen Aufbau einzelner Beiträge.

Ob und dass so tatsächlich weitere Beiträge eingeworben werden sollen und können, ist allerdings fraglich. Die verwaist wirkende Plattform erweckt eher den Eindruck, als sei sie vor allem als Beleg für die ordnungsgemäße Verwendung der eingeworbenen Drittmittel erstellt und seither nicht mehr genutzt, geschweige denn aktualisiert worden. Auch erschließt sich aus der Plattform nicht, ob und dass seit Erscheinen der Printausgabe des Sammelbands weitere Beiträge für das Handbuch eingeworben und/oder angeboten wurden und/oder etwa in Vorbereitung beziehungsweise gar im Erscheinen sind. Die dort zum Zeitpunkt der Abfassung dieser Rezension online einzeln zugänglichen Beiträge entsprechen jedenfalls zum Zeitpunkt der Abfassung dieser Rezension den im Sammelband abgedruckten.

Wenn aus dem Projekt tatsächlich ein lebend(ig)es Handbuch werden soll, dann reicht dafür die in der Einleitung zum Sammelband ausgesprochene Einladung zur Abfassung weiterer Beiträge nicht aus. Diese Einladung erreicht allenfalls die Leser*innen des Sammelbands, die erklärtermaßen vor allem Lehrende und Studierende sein sollen, „deren Schwerpunkte bislang nicht in der politikwissenschaftlichen Geschlechterforschung lagen“ (S. 20) und daher als Autor* innen von Handbuchbeiträgen eher nicht infrage kommen. Hinzu kommt, dass Einleitungen zu Sammelbänden bekanntlich nicht allzu oft gründlich gelesen werden, sodass die hier ausgesprochene Publikationseinladung für das Handbuch gänzlich ins Leere laufen könnte.

Die so ambitioniert in der Einleitung des Buches und auf der versteckten Internetseite vorgetragenen Absichtserklärungen zu dem wahrlich großen Projekt könnten sich folglich unbeabsichtigt als Totgeburt erweisen. Um das Living- Handbook-Projekt zum Leben zu erwecken und am Leben zu erhalten, braucht es vielmehr eine kontinuierliche Öffentlichkeitsarbeit in einschlägigen Medien und in der relevanten wissenschaftlichen Fachgemeinschaft sowie eine systematische Rekrutierungspraxis, die mindestens aus regelmäßigen und weit und breit sicht- und hörbaren Aufrufen zur Einreichung von Beiträgen besteht und potenzielle Autor*innen aktiv anspricht. Diesbezüglich sind die Herausgeber*innen und der Verlag gefragt.

Literatur

Creager, Angela N.H./Grote, Mathias/Leong, Elaine (2021): Learning by the Book: Handbücher in der Wissenschaftsgeschichte. https://www.mpiwg-berlin. mpg.de/de/feature-story/learning-book-handbuecher-der-wissenschaftsgeschichte (23.11.2025).

Klapeer, Christine/Leinius, Johanna/Martinsen, Franziska/Mauer, Heike/Nüthen, Inga im Interview mit dem Verlag Barbara Budrich (2024): „Kontinuierlicher Austausch und beständige Aktualisierung und Erweiterung der Inhalte“ – Interview mit den Herausgeber*innen zum neuen Living Handbook „Politik und Geschlecht“. https://budrich.de/news/living-handbook-interview/ (23.11.2025).

Klapeer, Christine/Leinius, Johanna/Martinsen, Franziska/Mauer, Heike/Nüthen, Inga (2021): Call for Contributions: Living Handbook „Politik und Geschlecht – Politiken der Geschlechter“. https://budrich.de/budrich/wp-content/uploads/2021/11/CfContributions-Living-Handbook-Politik-und-Geschlecht-Politiken- der-Geschlechter-10-2021.pdf (23.11.2025).

Martinsen, Franziska/Mauer, Heike/Nüthen, Inga im Interview mit Sandra Beaufaÿs (2024): Das Living Handbook „Politik und Geschlecht“: Eine Intervention in den Fachdiskurs. In: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 18.06.2024, www.gender-blog.de/beitrag/living-handbook-politik-und-geschlecht/. doi: 10.17185/gender/20240618

Pinwinkler, Alexander (2017): „Handbuch der völkischen Wissenschaften“: Buchpräsentation an der Universität Salzburg, Fachbereich Geschichte, 22. November 2017. https://www.erinnern.at/bundeslaender/salzburg/unterrichtsmaterial-neu/dokumente/ansprache-priv.-doz.-dr.-alexander-pinwinkler-bei-der-buchvorstellung-handbuch-der-voelkischen-wissenschaftenam-22.-november-2017 (23.11.2025).

Universitätsbibliothek der Humboldt-Universität zu Berlin (2013): Handbuch. https://www.ub.hu-berlin.de/de/bibliotheksglossar/handbuch (23.11.2025).