Open Gender Journal (2026) | Rubrik: querelles-net: Rezensionen

Vergeschlechtlichtes Wissen und die Produktion von Wissen über Geschlecht –Beispiele aus Literatur, Sprache und Medien

Rezension von Vanessa L. R. Bock


Rezension zu Lars Sörries-Vorberger, Elisa Linseisen, Silke Segler-Meßner (Hrsg.) (2025): Gendering Knowledge: Intersektionale Perspektiven auf Wissen und Macht
Leverkusen: Verlag Barbara Budrich.
224 Seiten, ISBN: 9783847432463, 52,00 € (Print).


Abstract

Die vorliegende Rezension behandelt den Sammelband „Gendering Knowledge: Intersektionale Perspektiven auf Wissen und Macht“, welcher als Resultat einer geisteswissenschaftlichen Ringvorlesung der Universität Hamburg entstanden ist und acht Beiträge umfasst, die vergeschlechtlichtes Wissen sowie Wissen über Geschlecht in Literatur, Sprache und Medien veranschaulichen und diskutieren. Der Band setzt es sich zum Ziel, eine intersektionale Perspektive auf vergeschlechtlichtes Wissen zu bieten, wodurch in den Beiträgen neben Geschlecht auch Sexualität, Herkunft, Klasse oder Behinderung thematisiert werden. Die inhaltlich und methodisch facettenreichen Beiträge teilen dabei ein Verständnis von Wissen(sproduktion), das intersektional, situiert und kontextgebunden ist.

Schlagworte: Wissen, Intersektionalität, Literatur, Medien, Sprache

Zitationsvorschlag: Bock, V. L. R. (2026). Vergeschlechtlichtes Wissen und die Produktion von Wissen über Geschlecht. Beispiele aus Literatur, Sprache und Medien.: Lars Sörries-Vorberger, Elisa Linseisen, Silke Segler-Meßner (Hg.): Gendering Knowledge: Intersektionale Perspektiven auf Wissen und Macht. Budrich 2025. Open Gender Journal, 10. https://doi.org/10.17169/ogj.2026.451

Copyright: Vanessa Bock. Dieser Artikel ist lizensiert unter den Bedingungen der Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz (https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de).

DOI: https://doi.org/10.17169/ogj.2026.451

Eingereicht am: 04. Mai 2026

Angenommen am: 10. Juni 2026

Veröffentlicht am: 09. Juli 2026

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Vergeschlechtlichtes Wissen und die Produktion von Wissen über Geschlecht –Beispiele aus Literatur, Sprache und Medien

Der Sammelband „Gendering Knowledge: Intersektionale Perspektiven auf Wissen und Macht“ basiert auf Vorträgen aus einer Ringvorlesung der Fakultät für Geisteswissenschaften an der Universität Hamburg im Wintersemester 2023/24. Aus dem vielversprechenden Titel geht der geisteswissenschaftliche Kontext auf den ersten Blick nicht hervor. Doch sind abgesehen von Elisa Linseisen alle Autor*innen derzeit an dieser Fakultät in verschiedenen Positionen und Instituten beschäftigt. In dem Band wird die vergeschlechtlichte Wissensproduktion nicht theoretisch oder methodologisch diskutiert, sondern es wird vielmehr an mehreren Beispielen aus verschiedenen geisteswissenschaftlichen Disziplinen veranschaulicht, wie vergeschlechtlichtes Wissen in „sprachliche[n], mediale[n], künstlerische[n], literarische[n], politische[n] oder kulturelle[n] Praktiken“ (S. 10) verfestigt und reproduziert wird. Ergänzend zu einem Einführungstext der Herausgeber*innen liegen acht Beiträge aus der Germanistik, Romanistik, Anglistik und Amerikanistik, Film- und Medienwissenschaft sowie Theologie zu „den geschlechtlichen Dimensionen von Wissen“ (S. 7) vor, wobei die germanistische Fachexpertise mit vier Beiträgen hervorsticht. Dabei sind die einzelnen Beiträge durch eine intersektionale Perspektive miteinander verbunden, sodass nicht nur Geschlecht im Fokus steht, sondern je nach Beitrag auch Sexualität, Herkunft, Behinderung oder Klasse behandelt werden. So werden unter anderem auch alternative Wissensproduktionen thematisiert, die von dem weiß-männlich dominierenden Ideal abweichen.

Die Texte lassen sich unabhängig voneinander lesen, auch in beliebiger Reihenfolge. Es ist jedoch empfehlenswert, die Beiträge aus den sich entsprechenden Fachdisziplinen nacheinander zu lesen, um thematische Zusammenhänge besser zu verstehen: Lina Herz und Hannah Rieger, Dustin Breitenwischer, Silke Segler-Meßner sowie Julia Nantke und Marie Flüh präsentieren eine literaturwissenschaftliche Auseinandersetzung mit verschiedenen Autor*innen und ihren Werken. Natalia Filatkina und Lars Sörries-Vorberger weisen sprachwissenschaftliche Analysen vor. In den Beiträgen von Elisa Linseisen sowie Kristin Merle und Anita Watzel ist eine medienwissenschaftliche Perspektive zu finden.

(Un)erzählte Geschichten: von historischen bis gegenwärtigen Beispielen in der Literatur

Insgesamt vier Beiträge widmen sich aus germanistischer, anglistischer sowie romanistischer Perspektive der Auseinandersetzung mit Schriftsteller*innen aus Vergangenheit und Gegenwart. Dabei reflektieren die Autor*innen in den von ihnen ausgewählten Beispielen den dominanten weiß-männlichen Literaturkanon und bieten zugleich Raum für Werke, die sich kritisch mit patriarchaler und kolonialer Macht auseinandersetzen.

Dies geschieht unter anderem in dem Beitrag von Segler-Meßner, welche die autobiographischen Werke der italo-somalischen Schriftstellerin Igiaba Scego und die darin behandelte Verflechtung von Kolonialismus und Migration vorstellt. Anhand ihrer eigenen Familiengeschichte thematisiert diese in ihren Texten nationale Identitäten und Zugehörigkeit, rassistische Diskriminierung, das kollektive Trauma der Kolonialisierung sowie die kulturelle Amnesie Italiens. Doch nicht nur rassistische Diskurse und Ausgrenzungsmechanismen stehen bei der Schriftstellerin im Zentrum, sondern auch die vergeschlechtlichten Dimensionen von Wissenserhalt und -weitergabe. So sind weibliche Familienmitglieder in Scegos Erzählungen von zentraler Bedeutung. Der weibliche Körper erhält, so Segler-Meßner, in ihren Werken eine „Gedächtnisfunktion, insofern er die kollektiven Traumata speichert und aktualisiert“ (S. 85). Beeinflusst von der somalischen Erzähltradition, entfalte sich bei Scego der intergenerationelle Dialog „sowohl als Instrument der Wissens- und Erkenntnisvermittlung als auch als Ausdrucksform der emotionalen Verbundenheit, die das Überleben der Familien sichert“ (S. 95). Mit der Auswahl dieser Schriftstellerin veranschaulicht Segler-Meßner, wie verlorengegangenes Wissen im Rahmen einer familiären Erinnerungskultur bewahrt und weitergegeben wird, aber auch gleichzeitig junge Generationen in einer rassistischen Gesellschaft befähigen kann, sich zu widersetzen. So beschreibt die Autorin die Texte von Scego als „ein Archiv genealogischen Wissens“ (S. 107). Für Leser*innen ohne Vorwissen zu Scegos Werken gelingt es ihr nicht nur, die zentralen Inhalte nachvollziehbar darzustellen, sondern sie stellt dabei auch den Bezug zu vergeschlechtlichtem Wissen aus einer intersektionalen Perspektive her. Wissensvermittlung und -erhalt geschehen demnach kulturell, situiert und körperlich, entgegen den in westlichen Gesellschaften dominierenden Vorstellungen von „objektivem“ Wissen. Irritierend ist jedoch die Schreibweise „schwarz“, kleingeschrieben und mit Anführungsstrichen, obwohl sich in der Rassismusforschung vorwiegend die Großschreibung von Schwarz etabliert hat, um die soziale Konstruiertheit zu markieren (Eggers et al. 2005). Ebenfalls ist die wörtliche Übersetzung und Nennung des N-Wortes aus einem Zitat von Scegos Text zu kritisieren (vgl. S. 90) und lässt eine mangelnde Auseinandersetzung mit bestehender Rassismusforschung vermuten. Eine Paraphrasierung dieses Zitats wäre eine mögliche Alternative gewesen.

Die sprachliche Manifestation von vergeschlechtlichtem Wissen

In zwei Beiträgen aus der Germanistik werden historische und gegenwärtige Aspekte von vergeschlechtlichtem Wissen anhand von Sprache und Begriffen untersucht. Dazu zählt die lexikalisch-semantische Analyse deutscher Genitalbezeichnungen und der damit verbundenen Gesellschaftsdiskurse über Geschlecht, Körper und Sexualität im Text von Sörries-Vorberger. Im Rahmen dieser Analyse werden Gegenstände, Werkzeuge und Waffen als dominierende Penisbezeichnungen identifiziert, während Behälter und Landschaften als Vulvinabezeichnungen dominieren. Das zugrundeliegende Muster hinter diesen Bezeichnungen und Metaphern ist laut Sörries-Vorberger der aktive Penis, der in die passive und ihm dienende Vulvina eindringt und diese füllt (vgl. S. 215). Besonders interessant an dieser Analyse sind die gesellschaftlichen Machtstrukturen, die in der deutschen Genitallexik (re)produziert werden. So reflektieren die vorwiegend in Abhängigkeit zum Penis stehenden Vulvinabezeichnungen patriarchale Geschlechterverhältnisse. Dies veranschaulicht der Autor in Gewaltdiskursen rund um Penisbezeichnungen und den entgegengesetzten Schamdiskursen, welche bei Vulvinabezeichnungen präsent sind (vgl. S. 212). Sörries-Vorberger präsentiert in seinem Beitrag erstmalig eine linguistische Untersuchung der Genitallexik im Deutschen und unterstreicht dabei abermals, wie Wissen über Geschlecht sprachlich hergestellt wird, aber zugleich auch, wie dieses vergeschlechtlicht ist und Binaritäten reproduziert.

Die Ambivalenz von sozialen Medien als Ort der vergeschlechtlichten Wissensproduktion

Im dritten empirischen Kapitel widmet sich Sophie Bauer der zunehmenden Politisierung von Menstrualität. Diese kann als ambivalent und plural verstanden werden. Besonders zentral erscheint in diesem Kapitel die Verbindung von Marktstrategien mit aktivistischen Praktiken und damit eine fortschreitende Neoliberalisierung der Politiken der Menstrualität. Die Autorin zeigt, dass insbesondere im medial vermittelten Menstruationsaktivismus post- und popfeministische Logiken als treibende Kräfte wirken. Postfeministische Diskurse sind wesentlich von einem Individualismus geprägt. Dabei knüpfen sie einerseits an zentrale Forderungen des sogenannten Zweite-Welle-Feminismus an – etwa das Recht auf Selbstbestimmung über den eigenen Körper –, lehnen dabei aber andererseits strukturelle Erklärungsmodelle ab. Postfeminismen setzen also den erlebten Ungerechtigkeiten eine neoliberale Logik der selbstverantwortlichen Befreiung durch spezifische Lebensstile und Konsumentscheidungen entgegen.

Fazit

Der Sammelband veranschaulicht vergeschlechtlichtes Wissen an vielfältigen Beispielen aus Literatur, Sprache und Medien in sowohl historischen als auch gegenwärtigen Kontexten, liefert hierzu aber keine neuen theoretischen Erkenntnisse. Obwohl der Band von den Herausgebenden als „interdisziplinäre Auseinandersetzung mit den geschlechtlichen Dimensionen von Wissen“ (S. 7) beschrieben wird, sind die einzelnen Beiträge nicht interdisziplinär verfasst. Diese richten sich außerdem primär an Geisteswissenschaftler*innen, sind aber auch für andere Disziplinen verständlich formuliert und gewinnbringend.

Die inhaltliche und methodische Vielfalt ist einerseits eine Stärke, führt aber auch zu Uneinheitlichkeit. Obwohl in Titel und Einleitung der Fokus auf intersektionale Perspektiven gelegt wird, werden nicht alle Beiträge diesem Anspruch gleichermaßen gerecht, der Fokus ist teils ausschließlich auf Geschlecht(er) gerichtet. Zudem sind auch formale Differenzen zu beobachten wie die Kapitelüberschriften in den jeweiligen Beiträgen. Während bei einigen Beiträgen Nummerierungen verwendet werden, wird in anderen darauf verzichtet. Auffällig ist zudem, dass besonders in Beiträgen, in denen visuelle Elemente beschrieben werden oder der Argumentationsstrang Abbildungen erfordert, diese entweder nicht angeführt (vgl. S. 7, 78) oder mangelhaft aufgrund von Größe und Farbwahl dargestellt werden (vgl. S. 139-140, 141f). Es ist daher empfehlenswert, die kostenlose E-Book-Version zu lesen. Trotz dieser formalen Aspekte ist der Band im Gesamten erkenntnisreich durch die Präsentation diverser Fallbeispiele aus unterschiedlichen Disziplinen.

Für viele Leser*innen erscheinen vermutlich aufgrund der weit gefächerten Disziplinen und der spezifischen Fallbeispiele der jeweiligen Beiträge nicht alle Bestandteile dieses Sammelbands gleichermaßen bedeutend oder relevant. Als Soziologin bleiben mir manche Texte zu sehr auf der deskriptiven Ebene, diese hätten von einer stärkeren gesamtgesellschaftlichen Einordnung und Diskussion profitieren können. Aber all jene, die sich mit epistemologischen Fragen oder den behandelten Beispielen auseinandersetzen, werden, unabhängig von einer geisteswissenschaftlichen Expertise, von diesem Band profitieren können. Die Veröffentlichung eignet sich hingegen weniger als Einführungsbuch für Studierende im frühen Stadium, da geschlechtertheoretische Kenntnisse vorausgesetzt werden. Für die Geschlechterforschung als interdisziplinäres Forschungsfeld ist diese Veröffentlichung dennoch bereichernd und bietet einen informativen Einblick in die Breite der Geisteswissenschaften. Die wechselseitige und allgegenwärtige Abhängigkeit von Geschlecht und Wissen wird dabei in diesem Band durchaus deutlich. Er bietet zwar keine innovativen theoretischen Impulse, aber mithilfe der ausgewählten Fallbeispiele werden bestehende Theorien zu Wissen untermauert. So geht aus den einzelnen Beiträgen hervor, dass Wissen(sproduktion) immer intersektional, situiert und kontextgebunden ist (Haraway 1988). Besonders lobenswert ist außerdem, dass dieser Sammelband den Grundstein für einen neuen Forschungsschwerpunkt der Gender und Queer Studies der Fakultät für Geisteswissenschaften an der Universität Hamburg bilden soll. Auf zukünftige Veröffentlichungen dieses Forschungsschwerpunkts bleibt mit Freude zu warten.

Literatur

Eggers, Maureen Maisha/Kilomba, Grada/Piesche, Peggy/Arndt, Susan (Hg.) (2005): Mythen, Masken und Subjekte. Kritische Weißseinsforschung in Deutschland. Münster: Unrast.

Haraway, Donna (1988). Situated knowledges: The science question in feminism and the privilege of partial perspective. In: Feminist Studies 14 (3), 575-599. doi: 10.2307/3178066