Open Gender Journal (2020) | Rubrik: querelles-net: Rezensionen

Zur unbewussten Reproduktion von Heteronormativität und Möglichkeiten praktischer Kritik

Rezension von Barbara Umrath


Rezensionen zu Ann-Madeleine Tietge:
Make Love, Don’t Gender?!
Heteronormativitätskritik und Männlichkeit in heterosexuell definierten Paarbeziehungen
Wiesbaden: Springer VS 2019.
300 Seiten, ISBN 978-3-658-26304-1, € 34,99 (E-Book) bzw. € 44,99 (Softcover)


Abstract

Wie lassen sich heterosexuell definierte Paarbeziehungen führen, ohne dabei patriarchale Zweigeschlechtlichkeit zu (re-)produzieren? Um dieser Frage nachzugehen, führt Ann-Madeleine Tietge psychoanalytische (Subjekt-)Theorien mit (de-)konstruktivistischen Ansätzen der Geschlechterforschung zusammen und macht diese empirisch fruchtbar in Gestalt einer tiefenhermeneutischen Auswertung problemzentrierter Paar- und Einzelinterviews. Das besondere Verdienst der Studie besteht darin, unbewusste Muster der interaktiven Herstellung von Geschlecht herauszuarbeiten, die heteronormativitätskritische Absichten unterlaufen und daraus Schlüsse für alltagspraktische Veränderungsmöglichkeiten wie -bedarfe zu ziehen.

Schlagworte: Heteronormativität, Männlichkeit, Doing Gender, Liebe, Geschlechterrolle

Zitationsvorschlag: Zur unbewussten Reproduktion von Heteronormativität und Möglichkeiten praktischer Kritik. Rezension zu: Ann-Madeleine Tietge (2019): Make Love, Don’t Gender?! Heteronormativitätskritik und Männlichkeit in heterosexuell definierten Paarbeziehungen. In: Open Gender Journal (2020). doi: 10.17169/ogj.2020.152.

Copyright: Barbara Umrath. Dieser Artikel ist lizensiert unter den Bedingungen der Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz (https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de).

DOI: https://doi.org/10.17169/ogj.2020.152

Veröffentlicht am: 08.10.2020

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Liebe machen, ohne zu vergeschlechtlichen – so etwa ließe sich der Titel der Studie von Ann-Madeleine Tietge übersetzen. Zugleich als Frage und Aufforderung formuliert, bringt dieser den Charakter der Arbeit treffend zum Ausdruck. So gilt das wissenschaftliche Erkenntnisinteresse den (Un-)Möglichkeiten, eine über heterosexuelles Begehren definierte Paarbeziehung in heteronormativitätskritischer Weise zu leben. Heteronormativitätskritik wird von der Verfasserin dabei verstanden als Perspektive, die „Kritik an der Norm von ausschließlich heterosexuellem Begehren“ mit einer „Kritik an der Vereindeutigung der Geschlechtsidentität“ (S. 131) und einer patriarchalen Abwertung von Weiblichkeit im Verhältnis zu Männlichkeit verbindet (vgl. S. 121f. u. 132). Die Studie lässt sich als Beitrag zur in der Geschlechterforschung seit geraumer Zeit breit geführten Debatte um Umbrüche und Beharrungstendenzen in gegenwärtigen Geschlechterverhältnissen lesen. Zu dieser vermag sie nicht nur auf den konkreten Gegenstand heterosexuelle Paarbeziehung bezogene Erkenntnisse beizusteuern, sondern zudem eine bislang kaum vertretene psychodynamische Perspektive zu entfalten, die zeitgenössische Entwicklungen auch in ihren unbewussten Dimensionen in den Blick nimmt. Gleichzeitig ist es erklärtes Anliegen dieser als Dissertation an der Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Universität Hannover angenommenen Arbeit, aus den Forschungsergebnissen Schlussfolgerungen für Veränderungsmöglichkeiten in der alltäglichen Praxis zu ziehen. Damit ist die Studie nicht nur für eine im engeren Sinne wissenschaftlich arbeitende Leser*innenschaft von Interesse. Auch Angehörige verschiedener Professionen, denen etwa als Paartherapeut*innen oder -berater*innen an einer geschlechterreflektierten Praxis gelegen ist, und all diejenigen, die in ihren persönlichen zwischenmenschlichen Beziehungen darum ringen, die Hervorbringung einer in sich hierarchisierten Zweigeschlechtlichkeit zu vermeiden, dürften das Buch mit Gewinn lesen. Zu verschmerzen ist dabei, dass die Strukturierung der einzelnen (Unter-)Kapitel nicht immer ganz einleuchtend ist und ein sorgfältigeres Lektorat wünschenswert gewesen wäre.

Doing Gender – unbewusst

Tietges Studie zeichnet sich durch einen konsequent nicht-essentialisierenden Zugang aus, der zumal für psychoanalytisch informierte Arbeiten wie diese keineswegs selbstverständlich ist. Die Herstellung von Geschlecht in alltäglichen Interaktionen wird als durch frühkindlich erworbene, gesellschaftlich prästrukturierte Interaktionsformen vermittelt gefasst, wobei die Autorin die Hierarchisierung der (Zwei-)Geschlechterdifferenz ausdrücklich reflektiert. Dafür wird im theoretischen Teil (Kapitel 2, mit 125 Seiten der umfangreichste Teil der Arbeit) zunächst an zeitgenössische Geschlechtertheorien angeknüpft, insbesondere an konstruktivistische Ansätze des Doing Gender, Judith Butlers dekonstruktivistisches Verständnis von Performativität sowie kritische Männlichkeitstheorien im Anschluss an Raewyn Connell und Pierre Bourdieu. Treffend wird als deren Grenze benannt, „unbewusste Prozesse der Geschlechtskonstruktion“ zwar mitunter zu konstatieren, solche Dynamiken sowie „die Erfahrungen und das Erleben der Subjekte“ (S. 25) aber nicht genauer zu erfassen (vgl. S. 25f., 56, 119f.). Um dem zu begegnen, greift Tietge zum einen auf psychoanalytische Ansätze zurück, die in ihrer ursprünglichen Formulierung von Geschlecht weitgehend abstrahieren, durch ihren Fokus auf die intersubjektive Hervorbringung von (gesellschaftlicher) Unbewusstheit jedoch für eine Weiterentwicklung konstruktivistischer Geschlechtertheorien produktiv gemacht werden können. Diesbezügliches Potenzial sieht die Autorin bei Alfred Lorenzers Verständnis von frühkindlicher Sozialisation qua Interaktionsformen, das für die Interaktionen von Erwachsenen durch Thomas Leithäuser und Birgit Volmerg fruchtbar gemacht wurde, sowie bei Stavros Mentzos‘ Konzept interpersonaler Abwehr. Zum anderen knüpft die Verfasserin mit den Arbeiten von Jessica Benjamin, Rolf Pohl, Julia König, Sebastian Winter und anderen an bereits vorliegende Ansätze einer geschlechtertheoretisch reflektierten Psychoanalyse an. Auf dieser Basis versteht Tietge Geschlechtsidentität als gesellschaftlich vermitteltes, in interpersonalen Konstellationen erworbenes und immer wieder aufgerufenes „Konfliktlösungsmuster“ (S. 19), das erlaube, die das Subjekt strukturierende „psychodynamische Ambivalenz zwischen Autonomie und Abhängigkeit“ (S. 20) bzw. „zwischen Bedürfnissen nach Verschmelzung vs. Differenzierung, [...] Unterwerfung vs. Kontrolle und nach Versorgtwerden vs. Autarkie“ (S. 47) zu glätten. Insofern diese Pole gesellschaftlich männlich bzw. weiblich konnotiert sind, ermögliche der Rekurs auf Geschlechternormen – allerdings stets nur „kompromisshaft“ und „vorübergehend“ (S. 19) – eine Abwehr unbewusster Konflikte (vgl. S. 46ff.). Der psychoanalytische Zugang vermag damit zu erhellen, dass die Herstellung von Geschlecht in Interaktionen zwischen Subjekten, die im Fokus soziologischer Betrachtungen des Doing Gender steht, ihrerseits durch psychische Dynamiken in den Subjekten gespeist wird. Nur wenn dies gesehen wird, lässt sich wirklich verstehen, warum Geschlecht im Handeln so kontinuierlich hervorgebracht wird. Diese Zirkularität wird von Tietge prägnant auf den Punkt gebracht: „Das Doing Gender der Subjekte ist [...] in ihrer psychischen Abwehr verankert. Ihr geschlechtsdifferenzierendes Tun und Erleben basiert auf unbewussten Prozessen und resultiert in der wiederholten Identifikation mit einem Geschlecht“ (S. 49).

Latente Muster der Herstellung von Geschlecht und Männlichkeit

Die unbewussten Dimensionen von Prozessen des Doing Gender werden im empirischen Teil der Arbeit genauer untersucht. In den Kapiteln 4 (‚Methoden‘) und 5 (‚Durchführung‘) wird die Entscheidung für problemzentrierte Paar- und Einzelinterviews als Erhebungsmethode und die Tiefenhermeneutik als Auswertungsmethode begründet, das konkrete Vorgehen bei der Untersuchung beschrieben und die beteiligten Forschungspartner*innen vorgestellt. Um empirisch tatsächlich „unbewusste Mechanismen“ in den Blick zu bekommen, die „sich in ‚Haut und Haar‘ der Subjekte festgesetzt haben“ (S. 4), wurden Paare, die ihre Beziehung als heterosexuell definieren, sich dabei zugleich aber als heteronormativitätskritisch verstehen, befragt. Wichtig hervorzuheben ist, dass die tiefenhermeneutische Auswertung in einer Interpretationsgruppe nicht darauf zielte, „Aussagen über die Psyche und das Unbewusste“ (S. 151) der fünf interviewten Paare bzw. der einzelnen Partner*innen zu treffen. Vielmehr ging es darum, unbewussten Dimensionen in Gestalt von „sprachgemeinschaftlich geformten Mustern/Interaktionsformen, welche sich [...] im Prozess der Auswertung auch in der Interpretationsgruppe niederschlagen“ (S. 153; Hervorh. B.U.), auf die Spur zu kommen.

In der Auswertung und Interpretation des Materials (Kapitel 6) werden bewusste bzw. manifeste Inhalte, Einstellungen und Gefühle der Befragten konfrontiert mit vier sich wiederholenden latenten Mustern der Herstellung von Geschlecht und Männlichkeit, wie sie sich in den Interviews und den darauf bezogenen Übertragungs- und Abwehrprozessen in der Interpretationsgruppe herauskristallisiert haben. Dabei handele es sich erstens um die „unbewusste Re-Inszenierung einer Mutter-Sohn-Beziehung zwischen Partnerin und Partner“ (S. 210), zweitens um die Inszenierung der männlichen Partner als passiv (vgl. 225ff.), welche drittens mit einer „Inszenierung von Autonomiewünschen durch die männlichen Partner“ (S. 235) und deren genügsam-anerkennende Bestätigung durch die Partnerinnen einhergeht, sowie viertens um ein zutiefst ambivalentes Verhältnis zu männlicher Sexualität (vgl. S. 253f.). Gemeinsam sei den vier Mustern, dass sich in ihnen durchaus Brüche mit tradierten patriarchalen Geschlechterbeziehungen und Männlichkeitskonzepten finden, welche die Befragten auf der bewussten Ebene anstreben. So brächen diese Muster etwa mit der von Erving Goffmann in den 1980er Jahren beobachteten Re-Inszenierung heterosexueller Paarbeziehungen als Vater-Tochter-Beziehung (vgl. S. 220f.), mit der Gleichsetzung von Männlichkeit und Aktivität (vgl. S. 228) oder der Erniedrigung der Partnerinnen zum Sexualobjekt (vgl. S. 254). Wie Tietge herausarbeitet, setzten sich dabei jedoch zugleich Tendenzen einer nicht-egalitären Paarbeziehung, einer Aufwertung von gesellschaftlich männlich konnotierter Autonomie sowie einer Abwertung weiblich konnotierter Fürsorge, Abhängigkeit und Bindung fort. Beispielweise würden die Rollen des ‚Elternteils‘ bzw. ‚Kindes‘ in der Beziehung neu verteilt; die Rollen selbst aber blieben nicht-reversibel und die Bedürfnisse der Partnerinnen fänden weniger Berücksichtigung. Während die Frauen ‚mütterlich‘ Verantwortung für die Befriedigung der Bedürfnisse ihrer ‚kindlichen‘ Partner übernähmen, entzögen sich letztere umgekehrt einer solchen Verantwortungsübernahme (vgl. S. 213f.). In der Sprache psychoanalytischer Subjekt-Objekt-Theorien formuliert, bieten sich die Partnerinnen als (erwachsenes) Objekt für die Bedürfnisbefriedigung des Subjekts an, wohingegen die Partner die (kindliche) Position des Subjekts verteidigen und sich weigern, als Objekt zu fungieren. Auf diese Weise werde zwar mit der weiblichen Position des Sexualobjekts gebrochen; als ‚Mutter‘ blieben die Partnerinnen aber weiter auf die Position des Objekts zur Befriedigung der Bedürfnisse anderer verwiesen (vgl. S. 254ff.). Dass die Frauen sich in der Regel in der machtvolleren Position wähnten und von ihren Partnern als dominant inszeniert würden, bedeute insofern keine Umkehrung patriarchaler Machtverhältnisse.

Alltagspraktisch folge daraus, dass sich Heteronormativitätskritik in heterosexuell definierten Paarbeziehungen nicht – wie bei den Interviewten beobachtbar – auf äußerliche Inszenierungen als ‚nicht-typisch-männlich/weiblich‘ beschränken dürfe und auch nicht auf eine – seltener praktizierte – Umverteilung von Erwerbs- und Betreuungsarbeit. Vielmehr muss eine heteronormativitätskritische Praxis aus Tietges psychoanalytischer Perspektive darüber hinaus auf eine Wechselseitigkeit der Positionen von Subjekt und Objekt zielen. Auf Seiten der männlichen Partner erfordere dies die Übernahme der als ‚erwachsen-mütterlich‘ geltenden Fürsorge-Positionen mit Blick auf die Bedürfnisse der Partnerin als abhängig-angewiesenem und nach Autonomie strebendem Subjekt (vgl. S. 271). Umgekehrt müsse es heute für sich in der Regel als emanzipiert und gleichberechtigt verstehende Frauen darum gehen, die Position der ‚erwachsenen Mutter‘ von Zeit zu Zeit aufgeben zu können, sich in die Position des abhängigen und umsorgten ‚kindlichen‘ Objekts zu begeben und „darauf zu vertrauen, dass sie Verantwortung abgeben [...] und sich fallen lassen können“ (S. 271). Dass Möglichkeiten einer solchen Veränderung interpersonaler Beziehungsweisen ihrerseits abhängig sind von gesellschaftlichen Bedingungen und durch derzeitige arbeitsmarkt- und sozialpolitische Arrangements eher erschwert als befördert werden, kann im Rahmen der Studie nur am Rande thematisiert werden (vgl. S. 272f.). In politisch-praktischer Hinsicht bietet sich daher eine Verknüpfung mit aktuellen Debatten um die Notwendigkeit einer ‚Care Revolution‘ (Gabriele Winker) an, zu denen Tietges Arbeit eine wichtige psychodynamische Perspektive beizusteuern vermag.